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Kontext
- Campus Cordis ist ein schulweites Modell für selbstreguliertes Lernen, Digitalität und Inklusion an einer Gemeinschaftsschule.
- Digitale Werkzeuge – darunter Moodle, Nextcloud, Schullogin sowie iPads und BYOD-Geräte – sind fest in Unterrichtsstruktur, Lernplanung und kollegiale Zusammenarbeit e…
- Jede Stunde folgt einem festen Phasenmodell aus Input, Zielfokussierung, individueller Erarbeitungszeit und Reflexion; täglich 90 Minuten individuelle Lernzeit ersetze…
- Das Beispiel zeigt, wie gemeinsame Standards, eine Kultur des kollegialen Teilens und ein kritisch-pädagogischer Umgang mit BYOD nachhaltige Schulentwicklung befördern…
Ziele
- Selbstreguliertes Lernen strukturell verankern: Schülerinnen und Schüler planen, fokussieren und reflektieren jede Stunde und jeden Wochenrhythmus; Frustrationstoleranz und das Warten auf begrenzte Ressourcen werden als Lernhaltungen bewusst eingeübt.
- Einheitliche Kursstruktur für alle Fächer: Klassenkurse in Moodle vereinen Lernpläne, Inputs, Aufgaben und Abgaben – ohne Medienbrüche und ohne parallele Informationswege.
- Differenzierung durch Niveauzuweisung: Alle Schülerinnen und Schüler arbeiten mit demselben Lernplan, erhalten jedoch niveaudifferenzierte Aufgaben (HS/RS/Gym); Lösungen werden gestaffelt freigegeben.
- Individuelle Lernzeit als eigenständige Lernform: Schülerinnen und Schüler nutzen täglich 90 Minuten für selbstorganisiertes Arbeiten – Projekte, Nacharbeiten, Vorbereitung – ohne fachgebundene Zuweisung.
- BYOD kritisch und pädagogisch begleiten: Nicht alles Digitale ist besser. Wo Geräte überfordern oder ablenken, wird bewusst zurückgesteuert – bis hin zum Papierheft als legitimer Alternative.
- Kollegiale Zusammenarbeit als Schulkultur: Gemeinsame Lernpläne, Fachzirkel und geteilte Materialien sind Erwartung, keine Freiwilligkeit; Nextcloud für kollaborative Dateiarbeit, ein Wiki für durchsuchbare Protokolle.
- Inklusion strukturell mitdenken: Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf erhalten Unterrichtsmaterial in maschinenlesbaren Formaten; BYOD wird nach Schulung und Nutzungsvereinbarung eingeführt.
Ablauf & Tools
Das Unterrichts-Phasenmodell
Jede Stunde folgt einem festen Rahmen:
1. Begrüßung und Input – frontal, über Erklärvideos (Flip) oder eingebettete YouTube-Videos; kein Verlassen der Moodle-Oberfläche. 2. Zielfokussierung – Schülerinnen und Schüler benennen, was sie in dieser Stunde erreichen wollen. 3. Individuelle Erarbeitungszeit (IEZ) – freie Wahl von Thema, Sozialform, Arbeitsort und analog/digital. 4. Reflexion – Was habe ich erreicht? Was würde ich beim nächsten Mal anders machen?
Ergänzend gibt es ein Lerntagebuch für die Wochenplanung und Coaching-Gespräche für die Jahresperspektive.
Moodle als Klassen-Betriebssystem
Jede Klasse hat einen Klassenkurs, der alle Fächer umfasst. Der Aufbau ist standardisiert: oben der aktuelle Lernplan, darunter fachliche Inputs (z. B. Canva-Präsentationen), interaktive Inhalte (Learning Snack, H5P, eingebettete Videos) und Abgaben. QR-Codes verlinken direkt auf einzelne Aufgaben – auch ohne Navigation durch die Kursstruktur. Schülerinnen und Schüler behalten Zugriff auf Kursinhalte früherer Jahrgänge, was gezielte Wiederholung ermöglicht.
Schülerinnen und Schüler ohne BYOD erhalten den Lernplan als Ausdruck und holen sich Aufgaben gezielt am Schulgerät ab. Eine vollständige Digitalisierung aller Materialien ist kein Ziel – eine verbindliche Mindeststruktur pro Kurs schon. Wichtig: Kurse dürfen nicht dauerhaft öffentlich zugänglich bleiben, da sich sonst Unbefugte eintragen können. Eine klare Anleitung zur Kurspflege ist Pflichtlektüre für alle beteiligten Lehrkräfte.
Individuelle Lernzeit (ILZ)
Im gebundenen Ganztag sind täglich 90 Minuten ILZ vorgesehen – als Ersatz für klassische Hausaufgaben. Lehrkräfte planen Input und Aufgaben pro Fach für eine Wochenspanne, ohne die ILZ-Zeit für ihr Fach fest einzuplanen. Die ILZ steht für Projekte, Vorbereitung, Nachholen und eigenständige Weiterarbeit – sie ist keine Pause und keine Freistunde.
Bei längerem Ausfall einer Lehrkraft springt die Parallelkollegin oder der Parallelkollege ein: Gleicher Lernplan, gleiche Inputs – der Unterricht läuft ohne inhaltlichen Verlust weiter.
BYOD – pädagogisch begleitet
BYOD wird nicht unkritisch befürwortet. Schülerinnen und Schüler, die mit BYOD überfordert sind oder die Geräte nicht lernförderlich nutzen, können gezielt zurückgeführt werden – bis hin zum Papierheft. Das ist keine Niederlage, sondern eine pädagogische Entscheidung. Die Ausstattung kombiniert iPad-Tresore pro Klasse mit Leih-iPads, einem Laptop-Wagen und BYOD. Langfristig ist die Zielrichtung mehr Digitalität; kurzfristig gilt: Chancengleichheit zuerst – solange nicht alle Schülerinnen und Schüler eigenständig digital arbeiten können, müssen Lernpläne auch ausgedruckt verfügbar sein.
Nextcloud und Inklusion
Nextcloud dient der kollaborativen Vorbereitung im Kollegium und als Ablageort für barrierefreies Unterrichtsmaterial. Schülerinnen und Schüler mit Sehbeeinträchtigung erhalten Materialien in maschinenlesbaren Formaten, die direkt über Nextcloud bereitgestellt werden.
Strukturen im Kollegium
Feste Konferenzzeiten sind im Stundenplan verankert; Fachzirkel treffen sich wöchentlich. Protokolle werden als durchsuchbares Wiki geführt – mit einer Vorlage, die die Fachkonferenzleitung vorab ausfüllt. Das macht Beschlüsse dauerhaft auffindbar, nicht nur in der nächsten Sitzung. Materialien werden aktiv geteilt – das ist Erwartung, keine Freiwilligkeit, und wird bei der Bewerbung kommuniziert.
Tipps & Stolpersteine
- Aufbau braucht Zeit: Der erste Jahrgang erfordert erheblich mehr Vorbereitungsaufwand; nachfolgende Jahrgänge profitieren von den bestehenden Strukturen. Ideen aus anderen Bundesländern aktiv aufgreifen und adaptieren.
- Klasse 5, erstes Halbjahr: Die erste intensive Moodle-Einführungsphase ist Investition – danach läuft das System.
- Moodle-Kurspflege: Kurse nicht offen stehen lassen. Klare Regelung und Anleitung für alle Kolleginnen und Kollegen ist unerlässlich.
- ILZ-Überlastung: Es gibt keinen automatischen Ausgleichsmechanismus zwischen den Fächern. Offene Kommunikation im Fachzirkel ist notwendig – und die ehrliche Bereitschaft, eigene Ansprüche zurückzunehmen.
- BYOD-Ausfall: Ein kaputtes oder entladenes Gerät darf den Lernprozess nicht blockieren. Schulinterne Lösungen (Ersatzgerät, Papierplan) vorab klären.
- Konferenzzeiten als Bedingung: Ohne fest verankerte Zeiten für gemeinsame Vorbereitung ist das Modell nicht skalierbar. Die kollegiale Entscheidung für Zusammenarbeit muss explizit getroffen werden.
Übertragbarkeit
- Andere Schularten: Das Phasenmodell und Lernpläne sind auf andere Schulformen übertragbar; die Niveauzuweisung ist an den Gemeinschaftsschulkontext angepasst und muss entsprechend modifiziert werden.
- Halbtagsschulen: ILZ-Stunden lassen sich als freie Arbeitsphasen im Unterricht integrieren; das Phasenmodell funktioniert auch ohne Ganztag.
- Weniger Ausstattung: Das Prinzip „Planung, Warten, Teilen“ funktioniert auch mit Klassensätzen statt BYOD; Nextcloud und Moodle sind geräteunabhängig.
- Kollegium ohne Teilungskultur: Eine einzelne Lehrkraft kann die Struktur aufbauen; ohne eine gemeinsam getragene Norm des Teilens bleibt die Wirkung begrenzt.